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Santiago Cirugeda
Urban Prescriptions
http://www.recetasurbanas.net
teilnehmer

Spanische Stadtplanung ermittelt Lücken im städtischen Raum und definiert exakt, was diese Lücken sind: Abmessungen, Materialien, Positionen – aber sie definieren keinen Zweck, denn eine Lücke ist ein Ort zum Schuttabladen, oder nicht? Die Entwürfe dafür gehen dann in ganz unterschiedliche Richtungen, denn die Leute bezahlen die Verwaltung für eine Genehmigung und machen anschließend mit der Lücke, was sie wollen oder brauchen: eine städtische Reserve, ein Ort zum Atmen, einen Treffpunkt, einen Spielplatz, eine Baumpflanzung …

Wenn man die Fassade des Gebäudes, das man nutzen will, streichen ”muss”, bekommt man die Genehmigung zum Aufbau eines Gerüstes. Diese Notwendigkeit kann man immer schaffen, indem man ein augenfälliges Graffitti darauf sprüht. Dann errichtet man sein Gerüst und baut sich seinen neuen Ort, sein eigenes, privates Refugium, seine Architektur der Stille, je nachdem, für welche Materialien, welchen Stil und welche Abmessungen man sich entscheidet. Die Dauer hängt von einem selbst ab, da die Architektur der Stille provisorisch und variabel sein sollte. Dies sind Konditionen, die die andere (reguläre) Architektur nicht hat. Ähnliche Gesetzeslücken oder ”städtische Verordnungen” können wir heranziehen, um zum einen die Verwaltung an ihre eigene Unfähigkeit, mit unterschiedlichen Realitäten klarzukommen, zu erinnern, und zum anderen die Fähigkeiten der Menschen – und die Notwendigkeit – zu zeigen, am städtischen Leben und Treiben mitzuwirken.

URBAN PRESCRIPTIONS
Strategien subversiver Besetzung

Alle Realitäten manifestieren sich selbst mit einer Fülle variabler Faktoren. Wenn ich über urbane Phänomene reden möchte, sollte ich dies in Worten der Komplexität und Unterscheidung tun. Der Weg, den wir beschreiten müssen, um sie zu begreifen, darf nicht einfach die Praxis der konventionellen Städteplanung kopieren, da die miteinander agierenden unsichtbaren und mutierten Strukturen im urbanen Stadtraum ein zu komplexes Gewebe ergeben. Wir bekommen den Eindruck, dass die verschiedenen Stufen der Komplexität wachsen und wieder sterben. Das Produktionssystem und die politischen und ökonomischen Variablen und Mechanismen, die in der Architektur vorherrschen, machen die Idee einer geschlossenen globalen Planung undenkbar.

Die Geschwindigkeit, in der Veränderungen im urbanen Raum stattfinden, bringt spezifische Orte und bestimmte Epochen zum Vorschein. Das Design und die Konstruktion von Raum erfordern ständig sich regenerierende Mechanismen, die auf die bestimmten Faktoren der unterschiedlichen Orte und ihre Interaktionen mit globalen Veränderungen und Systemen reagieren. Für Institutionen ist die Idee von globalen Prozessen ein Versuch, alle möglichen Verhaltensformen und Handlungen zu vereinfachen und zu kontrollieren. Mein Vorschlag besteht aus einem sich ständig neu definierenden globalen System (urbane Planungen und Gesetzgebung), das nach möglichen Gesetzeslücken und Unwägbarkeiten sucht, die unterschiedlichsten Menschengruppen Handlungsfreiheit verschaffen.

Biografie

Santiago Cirugeda, geboren 1971, entwickelt architektonische Projekte, ist journalistisch tätig und arbeitet in verschiedenen universitären und kulturellen Bereichen (Meisterklassen, Seminare, Konferenzen, Workshops, Ausstellungen, Debatten etc.). Derzeit ist er mit der Planung eines Zentrums für Kultur und visuelle Kunst in Sevilla beschäftigt. Weiterhin beteiligt er sich an Forschungsprojekten über Notfallarchitektur, die in Foren wie dem Barraca BCN (eine Winterfabrik der ETSA in Alicante) entwickelt werden. Gelegentlich ist er als Dozent in der Javeriana Schule in Bogotá tätig.

Seit neun Jahren entwickelt Santiago Cirugeda subversive Projekte im Stadtraum. Sie helfen ihm, das komplizierte soziale Leben um ihn herum zu ertragen. Von der systematischen Okkupation des öffentlichen Raums mit Containern bis zur Konstruktion von Prothesen für Fassaden, Patios und Dächer handelt er legale und illegale Zonen aus und erinnert uns so an die permanente Kontrolle, der wir alle unterliegen. Auf der letzten Biennale in Venedig zeigte er kritisch sozio-kulturelle Diskrepanzen, die interventionistische Projekte in abgelegenen Gebieten fördern. Diese Projekte bewegen sich zwischen Fragen der Selbstorganisation, Instabilität und unbedarfter Frivolität

     
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